Der Tote in den Bergen

Heutzutage packen die letzten Sennerinnen und Almhalter noch vor Martini ihre Sachen und treiben das Vieh zu Tal. Sie überlassen die Hütten und Ställe den Kasermandln und Wildsendinnen, den Dämonen des Winters und ihrem Geistervieh.

Früher einmal aber, vor ein bisschen mehr als hundert Jahren, lebten das ganze Jahr über Menschen in Bürstegg auf 1700 Metern, und nur wenn es unbedingt sein musste, ging man den weiten Weg hinunter nach Lech. Im Winter, wenn sich der Schnee meterhoch türmte, war das natürlich unmöglich. Da konnten die Menschen manchmal nicht einmal vor die Tür, ja es kam vor, dass er Schnee so hoch lag, dass die Bauersleute durch den Kamin hinaufkriechen mussten, wenn sie die Sonne sehen wollten.

In Bürstegg wusste man, wie man sich auf dem Winter vorbereitet. Das Getreide war eingelagert, die Speckseiten hingen in der Speis, und selbst für die Toten sorgte man vor. Der Seppelbauer hatte schon im August so eine Ahnung, deshalb legte er sich einen Stapel Bretter zurecht. Sobald der erste Schnee fiel, wollte er einen Sarg zimmern. Irgendetwas sagte ihm, sie würden in diesem Winter einen brauchen. Und da er schon dabei war und ihm das Zinken und Hobeln Freude machte, baute er gleich noch einen zweiten Sarg.

Seine Frau fand das praktisch. Sie wusste nicht, wohin mit den Dörrzwetschken, und in so einem Sarg war jede Menge Platz. So standen die Särge auf dem Dachboden, der eine leer und der andere bis oben gefüllt mit Dörrzwetschken.

Das Gefühl hatte den Seppelbauer nicht getäuscht. Der Hannesle starb in der Dreikönigsnacht. Der alte Knecht schlief ein und wachte nicht mehr auf. Starr lag er am nächsten Morgen auf seinem Strohsack.

„Ist Zeit gewesen“, sagte der Seppelbauer, als er dem Hannesle die Augen zudrückte. Seit er sich erinnern konnte war der Hannesle am Hof gewesen. Lange Zeit als Kuhhirt und Käser, und als er dann älter und immer schwächer wurde, kümmerte er sich um die Kinder und trug manchmal noch das Holz für den Herd Scheit für Scheit in die Küche. In letzter Zeit aber, da hatte er es kaum von seinem Strohsack zum Küchentisch geschafft, und gegessen hatte er auch nur mehr ganz wenig. So war er von Tag zu Tag weniger geworden und leiser, und nun war er tot.

Gemeinsam trugen der Bauer und sein Moarknecht die Leiche auf den Dachboden, betteten sie in den Sarg und nagelten den Deckel zu. Bis sie den Hannesle nach Lech hinunterbringen und ihm ein ordentliches Begräbnis geben konnten, dauerte es sicher noch ein paar Wochen.

Der Jänner verging, und um Maria Lichtmess hörten die Winterstürme auf, und der Schnee glänzte in der Sonne. Der Seppelbauer sog die eisige Luft ein. In den nächsten Tagen würde es nicht mehr schneien. Wenn sie das schöne Wetter nutzten, konnten sie mit dem Hannesle ins Tal fahren und würden auch beim Aufstieg nicht in Schwierigkeiten kommen.

Der Moarknecht holte zwei lange Stangen aus der Werkstatt und band sie an die Seiten des Sarges. Der Bauer nahm das vordere Ende und der Moarknecht das hintere, und so stampften sie mit dem Sarg los.

Die Bäuerin stand noch eine Weile vor dem Haus und sah den beiden nach, wie sie den Sarg wie eine Sänfte zwischen sich trugen. Bis Lech brauchten sie ein paar Stunden, und es würde wohl bis in die Nacht dauern, bis die beiden wieder zurück waren. Dann sollten sie etwas Warmes und Kräftiges zu essen bekommen. Als Nachspeise, dachte sie, würde sie ihnen einen Kuchen mit Dörrzwetschken machen. Ein kleines Festessen zum Andenken an den Hannesle, das war genau das Richtige.

Das Selchfleisch köchelte bald vor sich hin, und die Bäuerin stieg hinauf auf den Dachboden, um ein paar Hände voll Dörrzwetschken zu holen. Sie kniete sich vor den Sarg und versuchte, den Deckel zu öffnen, aber das ging nicht. Da hatte doch der Bauer nicht nur den Sarg mit dem Hannesle zugenagelt, sondern auch den mit den Dörrzwetschken. Also stieg die Bäuerin wieder hinunter und holte eine Hacke. Mit der Schneide zwängte sie den Deckel auf, die Nägel quietschten, als sie zäh aus dem Holz glitten.

Der Schrei hallte durchs Dorf, und alle kamen gelaufen. Sie fanden die Bäuerin auf dem Dachboden, die Hände vor dem Gesicht und die Augen vor Schreck geweitet.

„Um Gottes Willen. Die haben die ganzen Dörrzwetschken nach Lech gebracht“, sagte die Bäuerin und konnte ihren Blick nicht vom Hannesle losreißen, der tot und starr vor ihr im Sarg lag.

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