{"id":724,"date":"2020-03-22T10:45:07","date_gmt":"2020-03-22T09:45:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wilhelmkuehs.com\/?p=724"},"modified":"2020-03-22T10:45:09","modified_gmt":"2020-03-22T09:45:09","slug":"der-liebe-augustin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wilhelmkuehs.com\/index.php\/2020\/03\/22\/der-liebe-augustin\/","title":{"rendered":"Der liebe Augustin"},"content":{"rendered":"\n<p>Im\nWirtshaus zum \u201eZum Roten Dachl\u201c am alten Fleischmarkt hockte nur\nein einziger Gast an der Theke. Seine Narrenkappe sa\u00df ihm schief auf\ndem Kopf, und er hatte M\u00fche, das Glas zu heben. Der liebe Augustin\nwar sturzbetrunken. Den ganzen Abend hatte er gewartet, aber nicht\nein einziger Zuh\u00f6rer war gekommen. Dabei war heute doch Donnerstag,\nund am Donnerstag ging es beim Roten Dachl immer hoch her. Da kamen\ndie Arbeiter und die Marktfrauen, die Handwerker und B\u00fcttel und\nsogar der B\u00fcrgermeister lie\u00df sich das Konzert des lieben Augustin\nnicht entgehen. Jeden Donnerstag Abend beim Roten Dachl, da spielte\ner auf und machte seine Sp\u00e4\u00dfe. Aber seit die Pest in der Stadt war,\nblieben die G\u00e4ste aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nglaub, heut kommt keiner mehr\u201c, sagte der Wirt und wischte mit dem\ndreckigen Fetzen \u00fcber die Theke. \u201eWas meinst du, August? Wer ma\nSperrstund machen?\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nliebe Augustin raffte sich auf und sah den Wirt aus verschwommenen\nAugen an. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin\nFluchtachterl noch\u201c, lallte er und hielt sich krampfhaft an der\nTheke fest. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst\nnicht lieber auf der Ofenbank schlafen?\u201c, fragte der Wirt und\nstellte ihm das Glas hin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein,\nwird schon gehen.\u201c Der liebe Augustin kippte den Wein in einem Zug\nhinunter, nahm seinen Dudelsack und wankte zur T\u00fcr. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nH\u00e4user entlang taumelte der liebe Augustin \u00fcber den Kohlmarkt\nRichtung Burgtor. In seinem Rausch hielt er den Blick starr zu Boden\ngerichtet, und so sah er nicht, dass schon wieder ein paar H\u00e4user\nmit wei\u00dfen Kreuzen markiert waren. Dort, in diesen H\u00e4usern waren\nalle gestorben, krepiert an der Pest. Es waren so viele Tote. Jeden\nTag wurden es mehr und immer mehr, und der liebe Augustin dachte, das\nSterben w\u00fcrde erst dann ein Ende nehmen, wenn auch der letzte Wiener\nin die Grube gefahren war. Da half nur eines, man musste singen und\nfeiern, solange es noch ging. Bist du einmal tot, dann ist es vorbei\nmit dem sch\u00f6nen Leben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nseinem Weg sah er die Leichenberge auf der Stra\u00dfe. Die Pestknechte\narbeiteten zwar Tag und Nacht, aber sie schafften es nicht, alle\nToten mit Karren aus der Stadt zu fahren und dort zu beerdigen. So\nwarfen die Menschen die Leichen einfach auf die Stra\u00dfe, und da\nblieben sie dann und begannen zu verwesen.\nGanz erb\u00e4rmlich stank es hier, und es grauste dem lieben Augustin.\nEr wollte nur weg, nach Hause in sein kleines Zimmer in St. Ulrich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLauf,\nlieber Augustin, lauf\u201c, sagte er sich, und von Panik gepackt wollte\ner losrennen, aber seine F\u00fc\u00dfe gehorchten ihm nicht. Sie\nverhedderten sich ineinander, und er stolperte, und es wurde ihm\nschwarz vor Augen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Einige\nStunden sp\u00e4ter, es d\u00e4mmerte schon der Morgen, kamen zwei\nPestknechte mit ihrem Karren beim Burgtor vorbei. Auf der Ladefl\u00e4che\nstapelten sich die Leichen. Da stand ein Fu\u00df, da ein Arm aus dem\nHaufen hervor, und \u00fcberhaupt ging man nicht sehr zimperlich mit den\nToten um. Als sie den lieben Augustin da liegen sahen, traten sie ihm\ngegen den Bauch und gegen den Kopf. Nur um sicher zu sein, dass er\nauch wirklich tot war. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn\nes den erwischt hat\u201c, sagte einer der Pestknechte, \u201edann steht\ndie Welt nicht mehr lang. Nimm seinen Dudelsack und leg ihn dazu. Der\nliebe Augustin soll auch da dr\u00fcben aufspielen k\u00f6nnen.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>So\nkarrten sie den lieben Augustin hinaus in Richtung St. Ulrich. Jetzt\nkam er doch noch nach Hause, wenn auch nicht so, wie er sich das\nvorgestellt hatte. Bei der Pestgrube luden die Knechte den Wagen ab\nund warfen die Leichen ins Massengrab. Auch der liebe Augustin\nlandete mitsamt seinem Dudelsack in der Grube. Dann machten sich die\nPestknechte wieder auf den Weg. In Wien gab es noch jede Menge\nArbeit, und das Grab w\u00fcrden sie wohl heute Nachmittag oder \u00fcberhaupt\nerst Morgen zuschaufeln. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nlag er nun, der liebe Augustin, eingeklemmt zwischen den Toten und\nleise schnarchend. Bald schien ihm die Sonne ins Gesicht, und Fliegen\nkrabbelten ihm in die Nase. Zuerst wischte er die Fliegen mit der\nHand weg, aber das half wenig. Er versuchte, sich zur Seite zu\ndrehen, aber das ging nicht. Jetzt schlug der liebe Augustin die\nAugen auf und sah einer toten Frau direkt ins Gesicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm\nGottes Willen\u201c, entfuhr es ihm. \u201eA so a schiaches Gfrie\u00df.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nstank nach Tod und Verwesung, und wohin sich der liebe Augustin auch\ndrehte, \u00fcberall waren Leichen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt\nhat\u2019s mich erwischt\u201c,\ndachte er. \u201eEntweder ich bin tot und schon ein Geist, oder ich hab\neindeutig zu viel gesoffen. Aber sei es, wie es sei. Der liebe\nAugustin l\u00e4sst sich vom Tod nicht ins Bockshorn jagen. Sing, lieber\nAugustin, musst singen, dann wird selbst die Pest Rei\u00dfaus nehmen vor\ndir.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nDudelsack hatte er gleich gefunden, und so setzte sich der liebe\nAugustin nun mitten unter die Toten, blies in seinen Dudelsack und\nbegann zu singen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>O du\nlieber Augustin, \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Augustin,\nAugustin, <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>o\ndu lieber Augustin, <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>alles\nist hin! <\/em>\n\n\n\n\t\n\tGeld ist weg, Mensch ist weg, \n\t\n\talles hin, Augustin. \n\t\n\tO du lieber Augustin, \n\t\n\talles ist hin. \n\t\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nSein Lied klang \u00fcber das Grab hinaus, und einige Pestknechte, die\ngerade mit einer weiteren Ladung Leichen kamen, h\u00f6rten es. Sie\nstanden verwundert am Rand der Pestgrube und starrten auf den lieben\nAugustin hinunter. Sie konnten nicht glauben, dass da einer von den\nToten aufgestanden war und jetzt mitten unter den Leichen seinen\nDudelsack spielte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWollt\u2019s mir nicht\nhelfen\u201c, rief er zu ihnen hinauf. \u201eOder werd\u2019s\nnoch eine Weil Maulaffen feilhalten?\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie Pestknechte lie\u00dfen einen Strick zu ihm hinunter und halfen ihm\nso aus der Grube, und als der liebe Augustin vor ihnen stand, putzte\ner seinen alten Rock ab, setzte die Narrenkappe wieder auf und ging\ndavon. Noch eine Weile konnten die Pestknechte sein Lied h\u00f6ren: \n\n\n\n\t\n\tRock ist weg, Stock ist weg, \n\t\n\tAugustin liegt im Dreck, \n\t\n\to du lieber Augustin, \n\t\n\talles ist hin. \n\t\n\tUnd selbst das reiche Wien, \n\t\n\thin ist\u2019s wie Augustin;\n\t\t\n\tweint mit mir im gleichen Sinn, \n\t\n\talles ist hin! \n\t\n\tJeder Tag war ein Fest, \n\t\n\tund was jetzt? Pest, die Pest! \n\t\n\tNur ein gro\u00df\u2019\n\tLeichenfest, \n\t\n\tdas ist der Rest. \n\t\n\tAugustin, Augustin, \n\t\n\tleg\u2019 nur ins Grab dich\n\thin! \n\t\n\tO du lieber Augustin, \n\t\n\talles ist hin! \n\t\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Stelle der Pestgrube befindet sich heute das Strohplatzl. Dort\nlie\u00df der Wiener B\u00fcrgermeister Karl Lueger 1908 zu Ehren des lieben\nAugustin einen Brunnen errichten. Dort steht\nder liebe Augustin noch heute. Nur w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs\nverschwand er f\u00fcr einige Jahre. Die Nationalsozialisten\nschmolzen die Statue f\u00fcr Kriegszwecke ein. Ein geistiger Nachfahre\ndes lieben Augustin, schrieb eines Nachts folgende Zeilen auf den\nleeren Sockel des Brunnens: \u201e<em>Der\nSchwarzen Pest bin ich entronnen, die braune hat mich mitgenommen.\u201c\n<\/em>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Wirtshaus zum \u201eZum Roten Dachl\u201c am alten Fleischmarkt hockte nur ein einziger Gast an der Theke. 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